Mit einem Buchenanteil von 86% handelt es sich beim Buchenwald von Iraty praktisch um einen Reinbestand. Fotos: Bernard Rérat

ZeitschriftenLesezeit 4 min.

Im Wald von Iraty stehen über 500 Jahre alte Buchen

Iraty, der grösste Buchenwald Europas, liegt in Spanien und Frankreich. Der Wald im Herzen der Pyrenäen beherbergt jahrhundertealte Buchen, die Wissenschaftler und Förster in Staunen versetzen. Die Bäume profitieren von einer günstigen Umgebung und Waldwirtschaft.

Bernard Rérat | Das Event fand an einem mythischen Ort zu Ehren einer aussergewöhnlichen Naturbesonderheit statt: Eine der ältesten Buchen in Europa hat letztes Jahr ihren 500. Geburtstag gefeiert. Dass eine Fagus sylvatica ein halbes Jahrtausend alt wird, ruft Erstaunen bei den Försterinnen und Wissenschaftlerinnen hervor, handelt es sich doch um eine Baumart, die nicht unbedingt für ihre Langlebigkeit bekannt ist. Um mehr über dieses erstaunliche botanische Phänomen zu erfahren, muss man in die Pyrenäen fahren, genauer gesagt, in eine Gegend im Baskenland, die an der Landesgrenze von Spanien und Frankreich liegt. Dort befindet sich der bemerkenswerte Wald von Iraty, in dem sich in einigen abseits gelegenen Nischen jahrhundertealte Buchen befinden, die den gängigen Vorstellungen stark widersprechen.

Im für die baskische Bergwelt emblematischen Iraty befindet sich der grösste Buchenwald Europas. Er erstreckt sich über 17 194 Hektaren, von denen sich nur 10 Hektaren auf französischem Gebiet befinden; der Rest gehört zu Spanien. Die im Wassereinzugsgebiet des mediterranen Ebre liegende Waldbestockung teilt mit den Sommerweiden einen nach Süden ausgerichteten Felsenkessel, dessen höchste Gebirgsrücken teilweise 1600 Meter überschreiten.

Ein mythischer Wald

In der kollektiven Vorstellungswelt ist Iraty ein Urwald, um den sich unzählige Mythen und Legenden ranken. Obwohl der Wald ab dem 19. Jahrhundert intensiv bewirtschaftet wurde und seit tausenden Jahren für die Weidewirtschaft genutzt wurde, wurde er erst zu Beginn der 1960er-Jahre mit befahrbaren Strassen erschlossen. Deshalb konnten sich Fabeln und Phantasien über den Wald ungehindert ausbreiten, zumal der Mensch dort uralte Spuren seiner Anwesenheit hinterlassen hat (Steinkreise, Hügelgräber, Dolmen).

Die Vergangenheit dieses Waldes hält einige Überraschungen bereit, denn auf der Zeitachse ist der Buchenwald in Iraty erst vor kurzem entstanden. Vor 10 000 Jahren wurde die pyrenäische Landschaftskulisse  von der letzten Eiszeit völlig verändert. Der baskische Berg war zu einer Art nördlicher Wüste geworden, zu einer halbstrauchigen Steppe mit Wacholdersträuchern. Eine Palyonologie-Studie von Didier Galop, Forscher im Centre national de la recherche scientifique français (CNRS), beschreibt, wie mit dem allmählichen Temperaturanstieg erneut zuerst die Birken auftraten, danach die Eichen und die Haselnusssträucher, bevor die Strauchvegetation gänzlich von einem herrlichen Mischwald aus Ulmen, Eschen, Erlen und Linden zurückerobert wurde und das Landschaftsbild gestaltete.

Buchen gibt es erst seit 4500 Jahren

Die Buche erscheint erst sehr viel später in den Pyrenäen. In Iraty tritt sie ungefähr 2500 Jahre vor unserer Zeit auf, fast zur gleichen Zeit, als der Mensch zuerst Hirte und dann Ackerbauer wurde und begann, die Natur zu erobern, indem er Lichtungen in den «Primärwald» schlug, um dort seine ersten Nahrungsmittelpflanzen anzubauen.

Seit etwa 4500 Jahren überdauert der Buchenwald in Iraty unter günstigen und für seine Entwicklung vorteilhaften Klimabedingungen und Bodeneigenschaften, auch an den Südhängen der Höhenlagen. Das atlantische Gebirgsklima führt zu relativ milden Temperaturen (auf 1000 Meter liegt die Durchschnittstemperatur bei 7 bis 8°C) und zu hohen, über das ganze Jahr verteilten Niederschlagsmengen (1500 bis 2200 Millimeter pro Jahr). Bis auf die Bergkämme und die steilen und felsigen Hänge ist der Boden im allgemeinen tiefgründig und locker.

Dominanter Buchenanteil

Mit einem Buchenanteil von 86% handelt es sich beim Buchenwald von Iraty praktisch um einen Reinbestand. Der gleichförmige Hochwald bildet zwei Baumstufen: eine aus Buchen mit Durchmessern von
50 Zentimetern und mehr auf 1,30 Meter Höhe (Brusthöhendurchmesser, BHD) zusammengesetzte Oberschicht, die bis zu 30 m Höhe erreichen kann, sowie einer Unterschicht, die sich aus Dickung und Stangenholz aus natürlicher Waldverjüngung zusammensetzt, wie sie von den Förstern seit etwa 30 Jahren bevorzugt wird.

Doch die zeitgenössische Epoche hätte für den Buchenwald von Iraty fast zu einer Katastrophe geführt, denn auf französischer Seite führten die kommunalen Eigentümer der Bestockung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts intensive Holzschläge durch. Eine grosse, 13 Kilometer lange 3S-Seil-
kran-Anlage beförderte das Holz zu einer Sägerei, die eigens zu diesem Zweck im Tal gebaut worden war. In einem Zeitraum von knapp 60 Jahren sollte Iraty 40% seines Holzvorrats verlieren. Als die französische Forstverwaltung 1957 dem Raubbau ein Ende setzte und den Holzverkauf während 30 Jahren vollständig verbot, waren die Waldflächen stark zerstört.

Zum Glück waren einige verborgene Waldgebiete mit sehr alten Buchenbeständen von den Waldarbeitern vergessen worden. «Die ältesten Buchen von Iraty befinden sich im Landkreis Zihigolatze», sagt Fabien Escalière, Techniker des Office national des forêts (ONF), und verrät, dass einige Buchen in seinem Revier zwischen 400 und 500 Jahren alt sein sollen.

Herausgefunden wurde dies in einer Anfang 2000 beim CNRS durchgeführten dendrochronologischen Studie mit dem Titel «Construction d’une longue chronologie de hêtres au Pays Basque: la forêt d’Iraty et le petit âge glaciaire». Anhand von Kernbohrungen an 71 Bäumen, die sich an sechs Standorten auf Baumstufen von 1250 m bis 1450 m befanden, fanden die Wissenschaftler sechs Buchen, die mindestens 350 Jahre alt waren und drei von ihnen sogar älter.

Genetik als mögliche Ursache

Diese aussergewöhnliche Langlebigkeit, die zweifellos einzigartig in Europa ist, wirft bei den Forschenden Fragen auf: «Liegt die Ursache hierfür nur am Standort der Buchen in einem schwer zugänglichen Gebiet oder an genetischen Faktoren? Ist es möglich, dass ihr langsames Wachstum bei gleichzeitiger Verbesserung der Holzqualität dazu führt, dass sie weniger anfällig werden?»

Empfindliche Reaktion auf Kälte

Wegen des hohen Alters der Untersuchungsobjekte, ihres extrem langsamen Wachstums und  falschen oder kaum sichtbaren Jahrringe (im Durchschnitt 69 hundertstel Millimeter) waren die Messvorgänge heikel. Laut den Forschenden konnte die Annahme, dass das Wachstum der Jahrringe durch das Alter gestört wird, in Iraty nicht bestätigt werden. Allerdings scheinen die Buchen in dieser Gebirgslage viel empfindlicher auf die Temperatur der Umgebung – besonders auf Kälte – als auf Niederschläge zu reagieren.

Die Wissenschaftler fragen sich jetzt, ob sich die starke Anfälligkeit der Buche gegenüber kalten Temperaturen auch bei den durch die Klimaerwärmung hervorgerufenen hohen Temperaturen zeigt. Sie stellen sich auch Fragen zur bei den Buchen in Iraty beobachteten Wiederaufnahme des Wachstums und versuchen herauszufinden, ob diese die Vitalität der alten Bäume beeinflussen könnte.  Aktuell liegen noch keine einwandfreien Antworten vor. 

Aber während die Wissenschaftler ihre Forschungen mit grossem Elan weiterverfolgen, setzt die älteste 
Buche, die sie in einer vergessenen Parzelle in Iraty entdeckt haben, ihre lange 
Existenz fort. Letztes Jahr hat diese 1521 geborene biologische Seltenheit ihren 
500. Geburtstag gefeiert

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? In der Zeitschrift "Wald und Holz" finden Sie den gesamten Artikel sowie zahlreiche weitere lesenswerte Artikel.

Wald und Holz jetzt abonnieren

 

ähnliche News aus dem Wald